Das Ende der Reise

p2240336 Nachdem Anna abgefahren ist, habe ich noch eine Woche in Jajce verbracht. Anschließend ging es ans Meer nach Makarska in Kroatien. Dort war es so idyllisch und westeuropäisch, dass man es kaum ausgehalten hat. Auf einmal konnte man als Student nicht mehr in Saus und Braus leben und unser Auto war auch wieder das älteste auf den Straßen. Wir beschlossen also wieder nach Bosnien zurück zu fahren. Nach einem kurzen Abstecher nach Mostar ging es nach Sarajevo und dann noch in die sozialistische Hochburg Tuzla. Bilder von der Reise gibt es unter „Fotos“.

Abschied

abschied

Mit einiger Verspätung ein Bild von meinem Jajce-Abschied. Auch wenn ich mich oft heim gesehnt habe, es war eine wahnsinnig aufregende und tolle Zeit in Bosnien-Herzegowina. Danke euch allen dafür!

Einschlafstörung

Auf unserem Rückweg entdeckt Jarek Einschusslöcher im Geländer. Wenn man genau hinguckt, sieht man den Krieg noch ganz genau. Es ist Nacht, wir laufen nach Hause, durch schöne Gassen in Jajce, in denen man das Raunen der Stimmen und die kleinen Läden noch spüren kann, die es vor dem Krieg hier mal gegeben hat. Wir haben den Abend bei Vahida verbracht, einer 70-jährigen alten Witwe. Wunderschön ist sie mit ihrem blonden Haar, ihrem Lachen und ihrer Herzlichkeit. Fünf Jahre hat sie in Freiburg gelebt, ihre Tochter lebt da noch immer. Sie war früher Lehrerin. Heute ist sie selbst Schülerin, denn sie besucht den Englischkurs für Senioren am Jugendzentrum. Nebenbei malt sie, macht Ausflüge und lädt sich, so oft es geht, junge Menschen ein. Das hält sie jung, sagt sie. Und während wir Pita mit Spinat und Kuchen essen, schauen wir DSDS auf bosnisch.

Unglaublich, wie sich da Unterhaltung und Werbung mischt. Werbung überall. Schokolade wird von den singenden Kandidaten stolz in die Kamera gehalten. In der Moderation wird das „Quickie“ Croissant gepriesen. Die Moderatorin sieht gut aus, wenn nicht der Lippenstift so dick aufgetragen wäre, dass er aussieht wie Lack. Ihr Kleid endet unter den Hüften. Nur 100 Sekunden dürfen die Kandidaten singen und die Lack-Moderatorin tanzt mit. Davon könnte sich Dieter Bohlen eine Scheibe abschneiden.

Während der Kommerz uns einlullt, schwärmt Vahida davon, wie schön das Leben einst in Jugoslawien war. Sie ist nicht die erste, von der ich das höre. Und mittlerweile steht Tito auch im AVNOJ-Museum Tito mittlerweile wieder aufrecht: Nach 3 Wochen in der Horizontalen posiert er auf dem frisch gestrichenen Fussboden. Andere sogenannten Helden hängen portraitiert an der Wand – Marx, Roosevelt, Churchill und – Stalin. Warum es früher so schön war? Weil die Leute Arbeit hatten, man beim Arzt nicht alles selbst zahlen musste. „Heute kannst du alles haben, aber nicht einschlafen.“ meint Zeljko.

Vahida und Zeljko beeindrucken mich. Sie gehören zu den Menschen hier in Jajce, die sich nicht lähmen lassen von den äußeren Umständen. Beschreiben kann man das nicht so richtig. Dafür muss man hier gewesen sein.

Einbruch.

Die Musikakademie ist Sonntagabend verriegelt. Kein Licht brennt in dem alten Gebäude. Als wir vorsichtig zu den niedrigen Kellerfenstern schleichen, hören wir deutlich eine Geige tönen.

Franziska II., Sophie, die andere neue Freiwillge aus dem Jugendzentrum, und ich haben zehn Stunden nächtliche Busfahrt auf uns genommen, um ein Wochenende lang Belgrad zu erkunden. (Sophie hat nach zwei Wochen Jajce übrigens schon die Schnauze voll und fliegt nach unsrem Wochenend-Trip neun Monate zu früh wieder heim nach Belgien).

Widerlich versifft
Sophie hat einen Freund in der Hauptstadt Serbiens, bei ihm können wir pennen. Als wir früh um fünf an seiner Wohnung, in einem Hochhaus am äußersten Zipfel der Stadt, klingeln, macht uns eine uralte Frau auf. „Meine Mutter wohnt nicht hier!“, entschuldigt sich Miki sofort. Sie sei extra in aller Herrgottsfrühe aufgestanden und hergekommen um uns zu begrüßen. Überall hängen Altfrauenklamotten, in der Wohnzimmerwand Kaffeeservices aus Porzellan und Sammlungen diverser Miniaturtiere. Ob Miki ein Faible für Frauenparfüm habe, fragen wir ihn lieber nicht. Die Wohnung ist einfach widerlich versifft, aber darüber brauch ich mich nicht beschweren, wenn ich umsonst bei jemanden übernachten darf, den ich nicht mal persönlich kenne.

Bevor wir uns endlich eine Runde schlafen legen dürfen, müssen wir noch selbstgemachte Pfannkuchen, selbstgemachten Tee und selbstgemachten Pflaumensaft verzehren.

Belgrad City
Den Reiseführer haben wir in Jajce vergessen. Nicht so schlimm, denken wir, schließlich ist unser Gastgeber in Belgrad aufgewachsen und kann uns alles zeigen. Aber Miki setzt uns nur in den Bus richtung Innenstadt und verabschiedet sich schnell: „Ich muss arbeiten.“

Wir tappen ziemlich planlos durch die Stadt auf der Suche nach einer Touristeninformation und einem Stadtplan. Finden wir beides das komplette Wochenende nicht. Dafür sehen wir auf dem Platz der Republik Leute, die für/gegen alles Mögliche demonstrieren/protestieren: Gegen Nazis, für die Freilassung Radovan Karadics. Gegen die EU, gegen die Nato und Den Haag.

„Geh da nicht hin!“, warnt mich Nemanja, als ich mich neugierig der Gruppe nähere. Nemanja und seinen Freund Maki haben wir am Nachmittag im Innenhof-Cafe der Uni Belgrad kennengelernt. Die beiden studieren an der Musikakademie: Maki Geige, Nemanja Fagott. Nemanja entpuppt sich als hervorragender Stadtführer, der uns nicht nur an alle historisch bedeutsamen Orte führt:

„Wollt ihr die Musikakademie sehen?“fragt er Sonntagabend, es ist schon dunkel draußen.

Impro-Session

Dann geht alles ganz schnell: Wir warten vor der verschlossenen Glastür. Nemanja läuft ein paar Mal leise rufend um das Gebäude und irgendwann kommt der Pförtner und schließt auf.

Sophie hockt sich sofort an den Flügel. Maki, der gerade noch Bach gefidelt hat, steigt auf Improvisation um und sein Kumpel fängt zu singen an. Ich verzichte darauf, mich mit rhytmischen Unfähigkeiten einzubringen und konsumiere den musikalischen Genuss mit großem Genuss.

Dieser Moment macht den verpfuschten Gastbesuch bei Sophies Freund Miki absolut wett: Wenigstens für ein paar Minuten vergesse ich die absurden Geschichten darüber, mit wem er nun zusammenwohnt, in wessen Betten wir geschlafen haben, die kleinen Tierchen in der Küche, das dreckige Geschirr in der Badewanne und die winzigen Kringelhaare auf der Seife am Waschbecken. Das nächste Mal in Belgrad, nehm ich mir ein Hostel-Bett.

Tito und Rockmusik.

Im AVNOJ-Museum in Jajce wurde einst Jugoslawien gegründet. Neben einer verstaubten Ausstellung und einer überdimensionalen Tito-Statue aus Styropor, befindet sich in dem historischen Gebäude auch das Jugendzentrum der Stadt… Wir haben einen Film drüber gemacht.

Stress.

Der letzte Jajce-Atemzug hat begonnen. Franziska und ich sind nur noch am Routieren. Interview hier und Workshop da und dann will das Jugendzentrum noch einen Imagefilm und der für Eko Pliva ist ja auch noch nicht fertig. Hui.

Schuften

Unser Video zum Workcamp. Endlich ist es fertig…

Copyright

Theorie und Praxis liegen ja nicht nur in der Politik, sondern auch im alltäglichen Leben oft weit auseinander. Umso schöner ist es, wenn sich beides trifft. Zum Beispiel wenn man etwas, das man in der Vorlesung gelernt hat und von dem man dachte, dass man es nie wieder brauchen würde, auf einmal in der Realität wiederfindet.

Letztes Semester besuchte ich zum Beispiel eine Vorlesung zum Thema „Wachstum und Entwicklung“. Darin behandelten wir Theorien gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung und lernten unter anderem den Property Rights-Ansatz kennen. Ganz vereinfacht besagt dieser, dass die Durchsetzung von Eigentums- und Verfügungsrechten die Voraussetzung für Investitionen ist und somit gesellschaftlichen Fortschritt mit sich bringt. Ich investiere also nur in eine Sache, wenn auch sichergestellt ist, dass ich die Früchte meiner Investition trage. Ein kapitalistisches Prinzip versteckt sich dahinter. In einem postsozialistischen Land wie Bosnien hat sich dieses Prinzip noch nicht ganz durchgesetzt, wie ich diese Woche erfahren durfte.

Vor einigen Wochen gab es ein Workcamp vom „Friedenskreis Halle“ in Jajce, welches Anna und ich dokumentiert haben. Anna machte einen kurzen Filmbeitrag darüber, ich schrieb einen Zeitungsartikel für den „Senzor“, die Zeitung des Jugendzentrums. Da mein Bosnisch für den Restaurantbesuch, nicht aber für die Verfassung eines Zeitungsartikels reicht, übersetzte Zeljko, der Organisator des Workcamps, mein Geschriebenes und der Artikel erschien, zusammen mit selbstgeschossenen Photos, in der Oktoberausgabe des „Senzor“.

Ich freute mich, als Zeljko mir berichtete, dass er den Artikel auch an einen Franziskanermönch weitergereicht hätte. Letzten Sonntag zeigte er mir stolz die Franziskanerzeitung: „Die Burg Komotin erwacht aus ihrem Dornröschenschlaf“ stand darin auf Bosnisch geschrieben. Autor: Zeljko C. Ich musste schmunzeln. Da ich keine Karriere als Journalistin antrete, wo unter Umständen jede noch so kleine Veröffentlichung eine Stufe auf der Karriereleiter bedeuten könnte, war mir das egal.

Vor einigen Tagen trafen wir wieder zufällig Zeljko mit der bosnischen Tageszeitung „Dnevni Avaz“ unterm Arm. Diese ist mit 100.000 Stück aktuell die auflagenstärkste Zeitung des Landes. Darin fand sich ein Artikel über das Workcamp bei der Burg Komotin. Der Artikel ist (laut Autor) nicht von mir, jedoch das Photo, welches, wo wir schon bei Property Rights sind, mit Annas Kamera gemacht wurde. Zeljko fragt uns im gleichen Atemzug, ob er Annas Beitrag an einen bosnischen Fernsehsender weitergeben könnte. Kein Problem, meinen wir. Aber vielleicht auch deshalb, weil das in unserem sonstigem Lebenskontext, der sich ja in Deutschland abspielt, nicht wirklich wichtig ist?

Wie es generell um die Sicherung von geistigem Eigentum in Bosnien steht, hat mich aufgrund dieser kleinen Anekdote dann doch interessiert. Mein Versuch, mehr über das staatliche Institut zur Sicherung von geistigem Eigentum in Bosnien zu erfahren, war wenig erfolgreich. Die Homepage ist noch im Aufbau. Ich stelle fest: Theorie und Praxis scheinen doch öfter zusammen zu passen als man denkt.

5000 Seilsprünge

Micha, 26, aus Österreich hat elf Monate lang im Jugendzentrum hier in Jajce als Freiwilliger der „Stiftung für Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ gearbeitet. Im Jugendzentrum war er für Internationale Projekte zuständig. Hier erzählt er wie es ihm in Jajce gefallen hat. Ich verrate nur schon mal so viel: Wenn’s ihm allzu langweilig wurde, ist Micha einfach Seil gesprungen.

Fitnessprogramm.

Von wegen U-Bahn oder Bus oder sonstige Verkehrsmitteln. Wir laufen täglich zum Jugenzentrum. Unser 15-minütiger Spaziergang ist dabei nichts gegen die Strecke, die viele Schüler hier täglich zurücklegen. Maja zum Beispiel, die an unserem Medienworkshop teilnimmt, läuft morgens eine Stunde zur Schule und nachmittags nochmal eine zurück.

Hier könnt ihr mit uns unseren täglichen Fußmarsch gehen:


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