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Wie Schnee

Jajce erinnert ein bisschen an Kars, die kleine, eingeschneite Provinzstadt in den Bergen, die Schauplatz in dem Roman „Schnee“ von Orhan Pamuk ist. Vor allem am Wochenende, wenn das Wetter trüb, die Stadt kalt ist und der Nebel zwischen den Bergen hängt, muss ich an das Buch denken. Es liegt irgendwie so eine Depression, oder vielleicht besser Lethargie, in der Luft. Die Altstadt ist nicht mehr durchgängig Altstadt, weil kleine, neue sozialistisch anmutende Gebäude die historischen Gebäude ersetzt haben. Es riecht nach verbranntem Gummi, weil die Sperrmüllentsorgung zu teuer ist und Autoreifen deshalb am Flussufer verbrannt werden. Eine Familie steht mit drei Angeln an der Vrbas verteilt und nachts zwischen 3 und 5 hört man ein Rudel von Hunden durch die Straßen ziehen. Zwischendrin der Muezzin, viele Friseursalons und zahlreiche Cafes mit männlichen Besuchern. Und macht man einen Sonntagsspaziergang an den Rand von Jajce, findet man sich in fast in einem Dorf wieder, in dem der Hahn kräht und die Zeit noch langsamer läuft als in Jajce Downtown. Zwischendrin erschrecke ich mehrmals, weil die Wachhunde in den Gärten der Familienhäuser mich als Eindringling sehen und attackieren, aber zum Glück angekettet sind.

Ungewöhnlich munter wird es mittwochs. Da sind viele Menschen unterwegs, Busse stehen am Straßenrand und alles will zum Markt. Auch den Sommer über lebt die Stadt. Jedes zweite Auto trägt ein schwedisches, deutsches, österreichisches oder Schweizer Kennzeichen, weil die bosnische Diaspora in den Sommerferien ihre Familien besucht. Die Stadt verwandelt sich in einen europäischen Mikrokosmos und ich fühle mich ein bisschen zurückversetzt in meine Schulzeit, als die Hälfte meiner Mitschüler mit, wie sagt man, türkischem oder kurdischem Migrationshintergrund, nach 6 Wochen Urlaub aus der Türkei wiederkam, braungebrannt und neu eingekleidet. Ich habe sie immer ein bisschen beneidet und jetzt, mit Mitte 20, bin ich mittendrin zwischen den bosnischen Jugendlichen mit österreichischem Akzent, die sich in Gruppen am See treffen und mit einem Eis in der Hand über die Straße schlendern.

So ähnlich war es vielleicht auch vor der sechsmonatigen Belagerung der Stadt 1992, als Jajce noch 45.000 Einwohner, vier Moscheen und ein intaktes Franziskanerkloster zählte. Schulklassen kamen aus allen möglichen Regionen des damaligen Jugoslawiens heran gereist um den Ort zu sehen, in dem Tito das sozialistische Jugoslawien gründete. Tito gibt es hier immer noch. Er steht als schätzungsweise drei Meter große Statue in dem Raum, wo 1943 die konstituierende Sitzung zur Gründung Jugoslawiens abgehalten wurde. Der Raum wurde zum Museum umfunktioniert und neben Tito hängt dort auch Karl Marx an der Wand.

Ab jetzt wird die Stadt still werden, denn mit dem Ende des Sommers verliert Jajce auch einen Großteil seiner Besucher. Übrig bleiben 25.000 Einwohner und eine Jugendarbeitslosigkeit von 58 Prozent, wie sie derzeit in Bosnien-Herzegowina herrscht. Man kann sich irgendwie gut vorstellen, dass die Mehrheit der Jugendlichen daran denkt, auszuwandern. Und während man aufpasst nicht in eine ähnliche Lethargie zu verfallen, trifft man zwischendrin auf kleine Energiespritzen wie Samir. Der leitet eine der wenigen NGOs in Jajce, nämlich Eko Pliva und sieht das Entwicklungspotenzial des Landes im Nachhaltigen Tourismus. Die Idee dazu kam von den Japanern, die heute solche Projekte in der Region unterstützen. Und eigentlich ist das auch einleuchtend. Denn Bosnien ist wirklich grün und gibt Hoffnung, solange man nicht über Politik spricht, wie man von allen Seiten hört.



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