Es gibt zwei Dinge, die man in Travnik tun muss: 1. Das X-Cafe aufsuchen, eine Hinterhof-Kneipen-Ansammlung, in der die Coolen der Stadt rumhängen. 2. Später ein Glas Wein im „Kaleidoskop“ trinken. So steht’s zumindest in der Bosnien-Bibel von Juli Zeh, also in ihrem Reisebuch „Die Stille ist ein Geräusch”. Als wir zwei Mädels in unserem Alter nach den Etablissements fragen, schütteln die nur den Kopf: Nie gehört. Im Geburtshaus von Literatur-Nobelpreisträger Ivo Andric („Die Brücke über die Drina“) klärt uns der Museumswärter, der langhaarige Enes, schließlich auf. „Das X-Café hat geschlossen“, und ungefragt fügt er hinzu: „Und das Kaleidoskop übrigens auch.“ Ob wir das Buch von Juli Zeh gelesen hätten, will er wissen. Sicher doch. Wie alle, die hier unterwegs sind. Dann erzählt Enes, ehemals Mitbesitzer vom Kaleidoskop, wie er Juli Zeh persönlich getroffen hat, damals 2001 während ihrer Reise durch Bosnien-Herzegowina. „Sie hat mich in ihrem Buch beschrieben“, fährt Enes fort, nicht ohne ein bisschen Stolz in seiner Stimme. Zuhause schlage ich die Stelle nach, Seite 245: „Der Besitzer könnte Schlagzeuger einer Heavy Metal Band sein, deren Texte auf dem Index stehen.“ Ein Satz über den sympathischen Enes.
Von der aktiven Kultur- und Snowboarder-Szene, wie sie Juli Zeh beschreibt, scheint nicht viel übrig geblieben zu sein in Travnik. Schade!
Gegen Sieben sind wir zurück in Jajce. Rechtzeitig, um um Acht im Dom Kultura zu sein, dem Kulturhaus hier in Jajce. Hier war für diesen Abend ein großes Gratis-Konzert angesagt. Also hin da, wenn schon mal was geboten ist. Der Saal platzt. Kleinkinder brüllen, etwas ältere turnen zwischen den Sitzreihen, die Männer begrüßen sich mit Handschlag, die Mädels tippen SMS in ihre Handys. Die verschleierte Oma neben mir riecht nach Schweiß und Moschus. Die „Band“, das ist ein Weißhaariger am Keyboard, der damit Panflötensounds in die Luft schickt. Ein Bassist, zwei mit Ziehharmonika, einer an der Gitarre, sie sitzen allesamt im Kabelsalat. Vorn steht ein Sänger im roten Hemd, das viel zu weit über der Hose hängt. Fremder Gesang für Erlanger Ohren, sehr orientalisch angehaucht. Die Frauen summen leise mit. Nach den ersten beiden Liedern eine Ansprache. Dann noch eine von einem Hoca, im langen Gewand und schwarzweißer Kappe. Langsam wird uns klar: Wir sind hier bei der Auftakt-Party für den Ramadan gelandet. Nach der Predigt vom Vorbeter, in der einige Male das Wort „Schechid“, also „Kriegsheld“ fällt, (das einzige Wort, das ich verstehe!) geht’s weiter in bester Musikantenstadel-Manier. Nur eben mit bosnischer Volksmusik. Nach einer Stunde tapferen Verharrens flüchten wir aufs Klo und treffen dort wieder die beiden Mädels aus Österreich, die ihre ganzen Sommerferien hier verbringen, weil sie eigentlich Bosnierinnen sind. Auch ihnen taugt die Musik nicht. Das teilen sie uns in breitem österreicher Dialekt mit, bevor sie untereinander wieder auf Bosnisch* weiterkichern. Aber der heutige Abend ist eben Pflichtprogramm für Jajces Muslime.
* Zur Sprachproblematik ein andermal. Nur so viel: Wären die Mädels bosnische Kroaten, müsste ich hier „Kroatisch“ schreiben, obwohls defacto dieselbe Sprache ist!


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