Mit 'Befreiung' getaggte Einträge

Leichtes Spiel

Keine Horde von 30 Jungs sondern gerade mal vier Teilnehmer haben Anna und ich in unserem Medienkurs. Alle samt interessierte Schüler, zwei Jungs und zwei Mädchen. Drei von ihnen sind deutschsprachig, da in Kindesjahren mehrere Jahre in Hessen gelebt. Leider wird das wohl nichts mit gemischter Gruppe und „multiethnischem“ Ansatz, wie in der ASA-Projektbeschreibung geschrieben. Ich bin aber froh, dass überhaupt jemand kommt und dass die, die kommen, interessiert sind.

Zur Feier des Tages bin ich am Abend auf der Suche nach dem Fussballturnier, das seit einer Woche in Jajce stattfindet. (Eigentlich lustig, dass ich das in dieser kleinen Stadt erst SUCHEN muss. Jajce ist vielleicht doch nicht so klein…?). Vorbei geht’s an der unauffälligen Moschee, vor der sich am Abend Muslime anlässlich des Ramadan versammeln. Auf ungeraden Wegen, vorbei an kleinen Häusern und Betonwohnblöcken folge ich einigen Jungs, der Musik und dem Raunen auf die andere Seite des Pliva Flusses. Vor dem Eingang des Fussballplatzes wird Popcorn verkauft, Kinder rennen umher. Auf der Zuschauertribüne tummeln sich Unmengen von Menschen, davon 90 % männlich. Es wird getrunken und geraucht. Man braucht nicht lange um zu verstehen, dass man in einer kroatischen Enklave gelandet ist. Frauen im Kroatien-Trikot schenken Karlovacka, kroatisches Bier, aus. Man sieht Cliquen von Jugendlichen kommen und gehen, in T-shirts und Baseballmützen mit rot-weiss-kariertem, also kroatischem Aufdruck. Neben mir unterhalten sich zwei Männer und ich höre bei meinen rudimentaeren Sprachkenntnissen das Wort „rujna“ raus. Das ist das kroatische Wort für bosnisch „september“. Das fällt mir wohl deshalb auf, weil unser Medienkurs am Jugendzentrum am 04. september/rujna anfängt und die einzige neutrale Zeitung der Stadt „Senzor“ Wert darauf legt, beide Begriffe in unserer Zeitungsanzeige zu verwenden, um dem multiethnischen Ansatz gerecht zu werden.

Gegenüber der Zuschauertribüne sehe ich stolz eine kroatische Fahne wehen. Daneben eine weitere Flagge, die bis zur Unkenntlichkeit verdreht ist. Ich vermute, (weil ich ja meine Brille nicht aufhabe) dass es die bosnische Fahne ist, denn in diesem Zustand hatte ich sie auch schon einmal am Rathaus von Jajce gesehen. Und in diesem Augenblick muss ich an den wachen Milan denken, einen 18-jährigen angehenden Architekturstudenten, den wir vor zwei Wochen bei einem Jugendkonzert am See trafen. Er erzählte uns, dass die kroatischen Bosnier die kroatische, die serbischen Bosnier die serbische und die muslimischen Bosniaken die türkische Flagge benutzen (auch wenn ich die hier noch nicht gesehen habe). Aber die bosnische Fahne, sagte er mit einem Lachen, die verwendet in diesem Land fast niemand.

Auch über der Hauptstraße in Jajce weht ein großer Aufhänger mit den Worten „13. Rujna 1995 Dan Oslobodenja Jajce“ – Tag der Befreiung, denn an diesem Tag rückte die kroatische Armee in die Stadt ein und beendete den Krieg. Das wird auch dieses Jahr gefeiert, mitten auf dem Hauptplatz vor dem kollossalen, terrassenförmigem Kriegsdenkmal. Und auch hier ist die kroatische Flagge eingraviert.

Die Bosniaken feiern hingegen die Befreiung der Stadt einen Tag später, weil erst am 14. September 1995 die bosniakische Armee in Jajce einmarschierte. Auf einen gemeinsamen Feiertag konnte oder wollte man sich wohl nicht einigen. Aus dem selben Grund war es auch ein Österreicher namens Wolfgang Petritsch, der die bosnische Flagge designt hat. Ein verrücktes Stück Land ist das.



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