Die Musikakademie ist Sonntagabend verriegelt. Kein Licht brennt in dem alten Gebäude. Als wir vorsichtig zu den niedrigen Kellerfenstern schleichen, hören wir deutlich eine Geige tönen.
Franziska II., Sophie, die andere neue Freiwillge aus dem Jugendzentrum, und ich haben zehn Stunden nächtliche Busfahrt auf uns genommen, um ein Wochenende lang Belgrad zu erkunden. (Sophie hat nach zwei Wochen Jajce übrigens schon die Schnauze voll und fliegt nach unsrem Wochenend-Trip neun Monate zu früh wieder heim nach Belgien).
Widerlich versifft
Sophie hat einen Freund in der Hauptstadt Serbiens, bei ihm können wir pennen. Als wir früh um fünf an seiner Wohnung, in einem Hochhaus am äußersten Zipfel der Stadt, klingeln, macht uns eine uralte Frau auf. „Meine Mutter wohnt nicht hier!“, entschuldigt sich Miki sofort. Sie sei extra in aller Herrgottsfrühe aufgestanden und hergekommen um uns zu begrüßen. Überall hängen Altfrauenklamotten, in der Wohnzimmerwand Kaffeeservices aus Porzellan und Sammlungen diverser Miniaturtiere. Ob Miki ein Faible für Frauenparfüm habe, fragen wir ihn lieber nicht. Die Wohnung ist einfach widerlich versifft, aber darüber brauch ich mich nicht beschweren, wenn ich umsonst bei jemanden übernachten darf, den ich nicht mal persönlich kenne.
Bevor wir uns endlich eine Runde schlafen legen dürfen, müssen wir noch selbstgemachte Pfannkuchen, selbstgemachten Tee und selbstgemachten Pflaumensaft verzehren.
Belgrad City
Den Reiseführer haben wir in Jajce vergessen. Nicht so schlimm, denken wir, schließlich ist unser Gastgeber in Belgrad aufgewachsen und kann uns alles zeigen. Aber Miki setzt uns nur in den Bus richtung Innenstadt und verabschiedet sich schnell: „Ich muss arbeiten.“
Wir tappen ziemlich planlos durch die Stadt auf der Suche nach einer Touristeninformation und einem Stadtplan. Finden wir beides das komplette Wochenende nicht. Dafür sehen wir auf dem Platz der Republik Leute, die für/gegen alles Mögliche demonstrieren/protestieren: Gegen Nazis, für die Freilassung Radovan Karadics. Gegen die EU, gegen die Nato und Den Haag.
„Geh da nicht hin!“, warnt mich Nemanja, als ich mich neugierig der Gruppe nähere. Nemanja und seinen Freund Maki haben wir am Nachmittag im Innenhof-Cafe der Uni Belgrad kennengelernt. Die beiden studieren an der Musikakademie: Maki Geige, Nemanja Fagott. Nemanja entpuppt sich als hervorragender Stadtführer, der uns nicht nur an alle historisch bedeutsamen Orte führt:
„Wollt ihr die Musikakademie sehen?“fragt er Sonntagabend, es ist schon dunkel draußen.
Impro-Session
Dann geht alles ganz schnell: Wir warten vor der verschlossenen Glastür. Nemanja läuft ein paar Mal leise rufend um das Gebäude und irgendwann kommt der Pförtner und schließt auf.
Sophie hockt sich sofort an den Flügel. Maki, der gerade noch Bach gefidelt hat, steigt auf Improvisation um und sein Kumpel fängt zu singen an. Ich verzichte darauf, mich mit rhytmischen Unfähigkeiten einzubringen und konsumiere den musikalischen Genuss mit großem Genuss.
Dieser Moment macht den verpfuschten Gastbesuch bei Sophies Freund Miki absolut wett: Wenigstens für ein paar Minuten vergesse ich die absurden Geschichten darüber, mit wem er nun zusammenwohnt, in wessen Betten wir geschlafen haben, die kleinen Tierchen in der Küche, das dreckige Geschirr in der Badewanne und die winzigen Kringelhaare auf der Seife am Waschbecken. Das nächste Mal in Belgrad, nehm ich mir ein Hostel-Bett.


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